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»Sie sind ein Experte, nicht wahr?«
Unvorhersehbar wie die ersten Frühlingsregen war die Frau in meiner Einzimmerwohnung erschienen. Das Licht der letzten Märztage hatte die Einwohner Roms kaum überrascht, als sie aus den Metrostationen kommend, in das Fieber dieser mittlerweile von Antennen, Schmutz und Perversionen verstopften Stadt eintauchten.
Die Frau hatte das Zimmer gemustert, mit der unwillkürlichen, souveränen Gleichgültigkeit, zu der ein weibliches Auge fähig ist, und in einem einzigen, entscheidenden Rundblick jedes Detail erfasst: den Deckenbogen, das Plakat von Buster Keaton, als Sherlock Holmes verkleidet, das Bett auf dem Hängeboden, die Kochnische im Hintergrund. Ich bin sicher, dass sie mir mit einer minimalen Fehlerquote hätte sagen können, was ich im Kühlschrank hatte. Es war nicht viel: ein offenes, schal gewordenes Bier, zwei Eier, eine Packung Gemüsehamburger und ein Schälchen Panna cotta. Die erbarmungslose Röntgenaufnahme einer Einsamkeit, wie es viele gibt.
Das nächste römische Abenteuer des melancholischen Bibliotherapeuten Vince Corso - an seiner Seite der stumme Hund Django; gerne würde er seiner grenzenlosen Liebe zur Literatur eine radikale Wendung geben: die Literatur endgültig die Stelle der Wirklichkeit einnehmen lassen ... diesmal mit weniger blutigen Mitteln.
Er, der vom Leben gebeutelte Liebhaber französischer Chansons und letztlich nicht unzufrieden mit seiner prekären, desto freieren Existenz, empfängt in seiner römischen Dachgeschosswohnung in der Via Merulana meist weibliche Klienten; nur einmal verschafft sich ein rechtsradikaler Fremdenhasser mit einem Trick Zutritt bei ihm ... da war er an der richtigen Adresse!
Eines Tages stellt eine Besucherin ihn vor ein schier unlösbares Rätsel: Ihr an Alzheimer erkrankter Bruder, ehemals polyglott, großer Bibliophiler und Weltreisender, wiederholt immer wieder gewisse Sätze - womöglich Zeilen aus einem Roman, in dem er sein Testament versteckt hat? Vince erhält Zugang zur Bücher-Wunderkammer des Alten und gerät immer tiefer hinein in ein Labyrinth aus unendlich kombinierbaren Zeichen und Verdachtsmomenten. Ist der Alte ein genialer Betrüger - oder braucht er Vinces Hilfe? Was hat es mit der schönen und klugen Chinesisch-Lektorin Feng auf sich, deren Bekanntschaft Vince bald macht? Und wohin treibt die Stadt Rom im beunruhigenden Licht dieses kalten Frühlingsanfangs? Eine atmosphärische, schwindelerregende Lektüre mit überraschendem Ausgang.
Über den Autor / die Autorin
Geboren in Rom in einer Familie mit Arberesh-Ursprüngen aus Piana degli Albanesi, dem Ort des Massakers Portella della Ginestra, doch seine Familie kommt auch aus anderen Weltregionen Buenos Aires, Albanien, Karthago, Mittlerer Orient. Sein Roman L'ultimo ballo di Charlot wurde in 19 Sprachen übersetzt. Seine literarische Suche gilt den mehrfachen Identitäten. Er glaubt wie besessen an die Wirkmacht von Literatur. Er lebt in Viterbo und ist Direktor der Orientalischen Bibliothek der Università la Sapienza.