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Im Tram, der schweizerischen Strassenbahn, hängen oft interessante Dinge. Zum Beispiel in der Stadt Bern zu Beginn des Jahres 2002: Auf Augenhöhe der Fa- gäste machte ein Kartonplakat auf eine Gesundheitsmesse aufmerksam. Wie häufig bei Strassenbahnwerbungen war daran eine Halterung angebracht, der man, gelangweilt von der Fahrt zum Arbeitsplatz, kleine Karten mit einer W- bebotschaft entnehmen konnte. Im Fall, der meine Aufmerksamkeit erregte, hatten diese exakt die Grösse und Gestalt der Kärtchen, welche den Patienten nach der Konsultation jeweils von der Praxisassistentin zur Erinnerung an den nächsten Termin übergeben werden. Doch Inhalt und Form entsprechen sich nicht: 12 Einleitung Ganz offensichtlich beruht der Werbeeffekt des Kärtchens darauf, dass der eindeutigen Gestaltung, die auf ärztliche Praxis verweist, ein dazu kontrastier- der Inhalt gegenüber steht: die Ankündigung einer Messe. Die Aufmerksamkeit wird geweckt mit einem Spiel der Gegensätzlichkeit zweier gesellschaftlicher Sphären, dem 'Besuch beim Arzt' und der 'Messe'; dies bei gleichzeitiger Üb- einstimmung dessen, worum es bei beidem geht: gesund zu werden und es zu bleiben. Dieses Spiel gelänge kaum, wenn nicht die strikte Trennung der beiden Sphären als gültig vorausgesetzt werden könnte und - darauf basierend - ein Spannungsfeld entstünde, sobald beides als Einheit dargestellt wird.
Inhaltsverzeichnis
Professionalisierungstheoretische Grundlagen.- Mehr Markt, damit Krankheit weniger kostet: Deutungen aus der Politik.- Der Gegenstand der Marktdebatte: Zwei Ärzte in der Praxis.- Die Versicherung als Kundin: Das Projekt "Ärzterating".- Der Patient als Kunde: Werbung für therapeutische Leistungen.- Schlussfolgerungen.
Über den Autor / die Autorin
Dr. Marianne Rychner, Soziologin, ist als Forscherin und wissenschaftliche Mitarbeiterin in der öffentlichen Verwaltung des Kantons Bern (Schweiz) tätig.
Zusammenfassung
Mehr Markt und Wettbewerb im Gesundheitswesen, so der Tenor aktueller gesundheitspolitischer Debatten, soll Transparenz schaffen, Kosten senken, Missbräuche verhindern und die Qualität der Leistungen steigern. Marianne Rychner zeigt anhand objektiv-hermeneutischer Materialanalysen, in welcher Weise professionalisierte ärztliche Praxis und die Logik des Marktes in einem Widerspruch zueinander stehen. Dies wird deutlich anhand einer detailgetreuen Rekonstruktion zweier ärztlicher Konsultationen. In der Interaktion zwischen Ärztin und Patient entfaltet sich eine komplexe Handlungslogik. Diese konfrontiert die Autorin mit aktuellen Versuchen, der ärztlichen Praxis den Charakter eines marktkonformen Produkts zu geben.
Zusatztext
"Nicht nur vor dem Hintergrund der gegenwärtigen und andauernden Debatte um Ökonomisierung im Gesundheitswesen stellt das Buch von Marianne Rychner einen wichtigen wissenschaftlichen Beitrag dar; auch eine empirisch fundierte Explikation der Professionalisierungstheorie wird hier ebenso wie ein hervorragendes Beispiel einer methodisch sorgfältigen und dabei insbesondere das Problem der Subjektivität nüchtern lösenden hermeneutischen Studie vorgelegt."
sozialersinn - Zeitschrift für hermeneutische Sozialforschung, 2-2008
"Für gesundheitspolitisch engagierte Kolleginnen und Kollegen [...] eine absolut lohnende und gut lesbare Lektüre!" Schweizerische Ärztezeitung, 31-32/2006
Bericht
"Nicht nur vor dem Hintergrund der gegenwärtigen und andauernden Debatte um Ökonomisierung im Gesundheitswesen stellt das Buch von Marianne Rychner einen wichtigen wissenschaftlichen Beitrag dar; auch eine empirisch fundierte Explikation der Professionalisierungstheorie wird hier ebenso wie ein hervorragendes Beispiel einer methodisch sorgfältigen und dabei insbesondere das Problem der Subjektivität nüchtern lösenden hermeneutischen Studie vorgelegt."
sozialersinn - Zeitschrift für hermeneutische Sozialforschung, 2-2008
"Für gesundheitspolitisch engagierte Kolleginnen und Kollegen [...] eine absolut lohnende und gut lesbare Lektüre!" Schweizerische Ärztezeitung, 31-32/2006