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Das gesamte wissenschaftliche
Werk von Bourdieu beschäftigt sich mit der Frage, was die gesellschaftlichen
Bedingungen des Zugangs zur Rationalität sind und in welchem Masse sich
soziale Akteure in ihren Handlungen rational verhalten. Dabei gehört die Theorie der Praxis sicherlich zu den prägnantesten Arbeiten innerhalb von
Bourdieus Werk und zu den interessantesten und am weitesten ausgebauten
Theorieangeboten der Gegenwart. Seine grundlegenden Überlegungen dazu,
wie die Dichotomien soziologischer Ansätze, wie sie u. a. in den Begriffen von
Subjekt und Objekt, Individuum und Gesellschaft sowie sozialer Akteur und
Struktur zum Ausdruck kommen, theoretisch zu überwinden sind, stellt eine
grosse Herausforderung für die soziologische Forschung dar (vgl. Gebauer/
Wulf 1993: 7). Bourdieu scheint in theoretischer Hinsicht, jenseits des Gegensatzes
von Handlungstheorie und Systemtheorie, eine Alternative anzubieten,
die unter dem Etikett Theorie der Praxis bekannt geworden ist (vgl. Eder
1989: 7). Obwohl Bourdieu seine wissenschaftlichen Arbeiten als allumfassende
Sozialtheorie mit universellem Erklärungsanspruch konzipierte, beschränkt
sich die Rezeption seiner Theorie der Praxis weitgehend auf die Thematik
sozialer Ungleichheit (vgl. Ebrecht/Hillebrandt 2004: 7). Dies gilt insbesondere
auch für die Organisationssoziologie, in der die Theorie der Praxis bis heute
keine gewichtige Rolle spielt eine systematische Rezeption hat bis heute
nicht stattgefunden (vgl. Dederichs/Florian 2004: 69). Dies könnte bei oberflächlicher
Betrachtung daran liegen, dass sich Bourdieu kaum explizit mit der
Analyse von Organisationen beschäftigt hat. Nicht nur für Bourdieu gilt jedoch
diese Vernachlässigung von modernen Organisationen, sondern desgleichen für
den britischen Soziologen Anthony Giddens. Im Gegensatz zu Bourdieu ist
Giddens von der Organisationsforschung grundlegend rezipiert worden. Giddens
Strukturationstheorie ist inzwischen ein anerkannter organisationstheoretischer
Ansatz (vgl. ebd. S. 69 f.). Ausser im neuen soziologischen Institutionalismus
wird Bourdieus Theorie der Praxis in der Organisationssoziologie
noch selten verwendet, obwohl er wie Giddens Kategorien entwickelt hat, die
eine Akteurorientierung ohne Missachtung von Organisationsstrukturen erlauben (vgl. Janning 2004: 99). Eine detaillierte Analyse der Möglichkeiten und
Grenzen der Theorie der Praxis im Zusammenhang von Organisationen erscheint
derzeit überfällig zu sein.