Beschreibung
Produktdetails
| Autoren | Leïla Slimani |
| Mitarbeit | Amelie Thoma (Übersetzung) |
| Verlag | Luchterhand Literaturverlag |
| Inhalt | Buch |
| Produktform | Fester Einband |
| Erscheinungsdatum | 14.01.2026 |
| Thema |
Belletristik |
| EAN | 9783630876481 |
| ISBN | 978-3-630-87648-1 |
| Anzahl Seiten | 448 |
| Abmessung (Verpackung) | 15 x 3.8 x 22.2 cm |
| Gewicht (Verpackung) | 613 g |
| Originaltitel | J'EMPORTERAI LE FEU |
| Serie |
Das Land der Anderen |
| Themen |
Freiheit |
Kundenrezensionen
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Zwischen zwei Kulturen
Als ich dieses Buch für meine Lektüre ausgewählt habe, war mir gar nicht bewusst, dass es sich um den letzten Band einer Familien-Trilogie handelt. Ich hatte früher sogar schon einmal den ersten Band „Das Land der Anderen“ gelesen, woran ich mich erst erinnerte, als mir der Plot in Marokko bekannt vorkam. Es lässt sich durchaus isoliert ohne Vorkenntnisse lesen. Hier nun steht die Enkelin Mia im Mittelpunkt, während es im ersten Band ihre französische Großmutter ist, die bald nach dem Zweiten Weltkrieg einen Marokkaner heiratet und ihm auf eine Farm nach Marokko folgt. Ihre gemischte französisch-marokkanische Vergangenheit wird für Mia zu einem Identitäts- und Zugehörigkeitsproblem. Einer privilegierten Schicht angehörend, fühlt sie sich weder der marokkanischen Gesellschaft verbunden, in der Frauen nichts gelten und der Staatsapparat unberechenbar ist, noch der französischen Gesellschaft, die sie wegen ihrer arabischen Herkunft nicht anerkennt, nachdem sie dort seit ihrem jungen Erwachsenenalter lebt.
Mich hat die Geschichte nicht richtig in den Bann ziehen können. Als störend, weil den Lesefluss beeinträchtigend, empfand ich, dass sie aus verschiedenen Perspektiven erzählt wird. Die jeweilige Erzählperson schildert mal nur kurz, mal aber auch in ganzen Kapiteln. Mia, um die es doch eigentlich gehen soll, tritt damit ziemlich in den Hintergrund. Der Sprachstil war für meine Begriffe oft etwas derb. Versöhnt haben mich die Betrachtungen über die marokkanische Gesellschaft, die mir viel neues Wissen vermittelt haben. Dennoch bleiben mir die zahlreichen Vier- und Fünf-Sterne Bewertungen dieses Buches unverständlich. -
Archäologie eines Lebens
Die französisch-marokkanische Star-Schriftstellerin Leïla Slimani beendet mit „Trag das Feuer weiter“ ihre packende, generationsübergreifende Familiensaga, die als Trilogie ausgelegt und an ihrer eigenen Familiengeschichte angelehnt ist. Berührend und intensiv lässt sie ihre Protagonistin Mia in ihr Heimatland Marokko zurückkehren, um Erinnerungsschnipsel zusammenzufügen und um Heilung zu suchen – denn Mia leidet an Post-Covid, Brain-Fog und Erschöpfung. Hängt das traurige Schicksal ihres Vaters Mehdi unterbewusst mit der Krankheit zusammen?
Sehr geschickt verwebt Leïla Slimani die Jetzt-Zeit auf der großelterlichen Farm in Meknès mit vielen atmosphärischen Erinnerungen aus Mias Kindheit und Jugend, die mit ihrer Schwester Inès liberal sowie priviligiert in Marokkos Hauptstadt Rabat aufgewachsen ist. Doch die Freiheit war nur innerhalb des Zuhauses – draußen im unfreien, vom Patriarchat und Post-Kolonialismus geprägten Alltag musste jeder aufpassen, was er sagt. Mutter Aïcha ist eine angesehene Gynäkologin, der Vater Bankdirektor – doch als Mehdi in Ungnade fällt und daraufhin im Gefängnis landet, zerbricht er an diesem Schicksal und stirbt jung. Seine Vergangenheit hat Mehdi immer für sich behalten – der Vater bleibt stellenweise ein Rätsel für die Töchter. Mia geht zum Studieren nach Paris, wird Schriftstellerin und kann endlich ihre Homosexualität offen leben.
Melancholisch und mitreißend lässt Leïla Slimani viele politische Ereignisse und Umstände in ihren weiten Erzählkosmos miteinfließen und die Gefühle, geplatzten Träume sowie Zerrissenheiten ihrer Personen aus verschiedenen Perspektiven vielschichtig und authentisch aufleben. Im flüssigen, epischen Erzählstil verliert Slimani nie die Fäden ihrer autobiografisch angehauchten Familiengeschichte zwischen Marokko und Frankreich, zwischen zwei Welten. Eine brillante Trilogie mit unwiderstehlichem Lesesog über Heimat und Fremde, über weiblichen Freiheitsdrang und Träume, die letztendlich als Feuer weitergetragen werden sollen. -
Freiheit hat einen Preis
„Man wird nicht Schriftsteller, indem man sich im Spiegel betrachtet. Die Geschichten beginnen, wenn man durch ihn hindurchgeht.“ (S. 214)
Mit "Trag das Feuer weiter" legt Leïla Slimani (übersetzt von Amelie Thoma) den dritten Band ihrer Familienroman-Reihe vor, erschienen beim Luchterhand Verlag. Der Roman erzählt von einer marokkanisch-französischen Familie zwischen Casablanca, Rabat und Paris. Von Eltern und Töchtern, von Migration, Anpassung und dem schmerzhaften Wunsch nach Freiheit. Auch ohne die vorherigen Bände gelesen zu haben, lässt sich dieses Buch eigenständig lesen, wenngleich ich jetzt rückblickend empfehlen würde, ganz vorne zu starten.
Meine Meinung
Das Zentrum der Geschichte bilden vor allem Mehdi, Aïcha und ihre Töchter Mia und Inès. Slimani zeichnet ihre Figuren mit großer psychologischer Tiefe und sprachlichen Wucht, besonders dort, wo es um Erwartungen, Geschlechterrollen und das ständige Aushandeln von Zugehörigkeit geht. Mich hat vor allem gecatcht, wie sehr sie Freiheit körperlich und emotional denkt: „Freiheit, überlegte er, schreibt sich in den Körper ein, in die Muskeln, die Bewegungen.“ (S. 177)
Gleichzeitig ist das Buch schonungslos in der Darstellung von Konformität, Schweigen und Heuchelei: innerhalb der Familie ebenso wie gesamtgellschaftlich. Das zeigen die vielen Passagen über das Nicht-Sagen-Dürfen, das bewusste Weglassen ganzer Lebensrealitäten wie bspw. hier: „Ihre Eltern waren Heuchler, und es beschämte Mia, festzustellen, dass sie nicht frei waren. [...] Nicht beschreiben, wie wir leben, was wir essen, trinken, sagen und woran wir glauben. [...] Niemals über den König reden, die manipulierten Wahlen, weder den Namen Oufkir aussprechen noch den des Straflagers dort unten im Süden des Landes. [...] Ihre Eltern hatten akzeptiert, in dieser moralischen Verwirrung zu leben, sie hatten sie an ihre Kinder weitergegeben, und Mia wusste jetzt, dass sie ihr niemals helfen könnten, die Frage >>Wer bin ich?<< zu beantworten.“ (S. 223/224)
Formal bin ich beim Lesen immer wieder kurz ins Stolpern geraten, weil die Erzählstimmen häufig wechseln, ohne klar gekennzeichnet zu sein. Kapitelüberschriften mit Namen hätten mir hier wahrscheinlich sehr geholfen. Mein Rettungsanker war tatsächlich das Personenverzeichnis am Anfang, ohne das wäre ich stellenweise verloren gewesen. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass diese Schwierigkeiten wohl vor allem daher rühren, dass mir die beiden Vorgängerbände fehlen: Als Quereinsteigerin blieben einige Nebenfiguren für mich blasser, obwohl sich der Roman grundsätzlich auch eigenständig lesen lässt.
Trotzdem: Slimanis Sprache ist wunderschön, klug und voller Bilder. Besonders der titelgebende Moment, wenn Mehdi seiner Tochter zuruft, sie solle ihre Freiheit verteidigen und das Feuer weitertragen hat sich tief eingebrannt: „Diese Sache mit den Wurzeln dient nur dazu, dich am Boden festzunageln, während die Vergangenheit, das Haus, die Dinge, die Erinnerungen unwichtig sind. Entfache einen großen Brand und trag das Feuer weiter.“ (S. 237)
Fazit
"Trag das Feuer weiter" ist ein vielschichtiger, trauriger Roman über Identität, Familie, verlorene Träume und den Preis der Freiheit. Für alle, die literarische Familiengeschichten, postkoloniale Perspektiven und feministische Fragen mögen, aber nichts für Leser:innen, die eine klar geführte, lineare Erzählung erwarten. Mich hat das Buch trotz kleiner Kritikpunkte sehr beeindruckt und neugierig auf mehr gemacht. Danke an den Luchterhand Verlag und Vorablesen für das Rezensionsexemplar.
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