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Marlowes Der Jude von Malta ist neben Shakespeares Der Kaufmann von Venedig das andere große englische Renaissancedrama über die unter die Christen gefallenen Juden. Das Drama ist aktueller denn je und wirkt in seiner ungebremsten Radikalität faszinierend und verstörend. Der zweite Teil des Buchs verbindet drei grundlegende Essays: Dreihundert Jahre nach Marlowe schrieb der deutsche Jude Karl Marx den Aufsatz Zur Judenfrage und wurde sofort als Antisemit verschrien. Der Literaturhistoriker Stephen Greenblatt untersucht in einer brillanten Studie die unterschwelligen Verwandtschaften in der Wirkungsgeschichte der beiden Texte. Das Nachwort mit einer Biographie Marlowes stammt von Friedmar Apel, einem profunden Kenner der elisabethanischen Literatur.
About the author
Christopher Marlowe, 1564 in Canterbury geboren, studierte in Cambridge und war zeitweilig als Agent der Regierung in Frankreich tätig. 1587 kehrte er nach London zurück. Der bedeutendste englische Dramatiker vor Shakespeare wurde 1593 in einem Wirtshaus im Streit erstochen.
Friedmar Apel, geboren 1948, lehrt Literaturwissenschaft an der Universität Bielefeld und schreibt regelmäßig Buchkritiken für die Frankfurter Allgemeine Zeitung.
Stephen Greenblatt ist Professor für Englische und Amerikanische Literatur und Sprache an der Harvard Universität. Als führender Theoretiker des New Historicism ist er einer der angesehensten Forscher zu Shakespeares Werk sowie zu Kultur und Literatur in der Renaissance. Greenblatt ist der Herausgeber der Norton Anthology of English Literature, Gründer und Mitherausgeber der Zeitschrift Representations sowie Autor mehrerer Bücher, darunter die hochgelobte Shakespeare-Biographie Will in der Welt. Für seine Arbeit wurde er mit zahlreichen Preisen geehrt. Er lebt in Cambridge, Massachusetts, und in Vermont.
Karl Marx (1818-83) Der Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus entwickelte nach Lektüre der französischen Frühsozialisten, der britischen Nationalökonomie und des Materialismus von Ludwig Feuerbach die Grundzüge eines philosophischen und ökonomischen Systems. Zusammen mit Friedrich Engels entwickelte er die revolutionäre soziale Philosophie, bekannt als Marxismus.
Erich Fried, geb. 1921 in Wien, floh 1938 nach London, wo er bis zu seinem Tod 1988 lebte. Wegen seines Gedichtbands 'Und Vietnam und' (1966) noch heftig umstritten, wurde er spätestens mit den 'Liebesgedichten' (1979) zum meistgelesenen deutschsprachigen Lyriker seit Bertolt Brecht.1987 wurde er mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet.
Foreword
Die beiden großen elisabethanischen Dramen, in denen ein
Jude die Hauptrolle spielt - Shakespeares The Merchant of Venice
und Marlowes The Jew of Malta - haben in Deutschland nach
1945 eine naturgemäß verdüsterte Rezeption erfahren.
Shakespeares Komödie wurde auf deutschen Bühnen zum
Trauerspiel, in dem Shylock als tragisch scheiternder Außenseiter
erschien. Das Stück läßt eine solche Rollenauffassung
insofern zu, als Shakespeares Jude seine blutrünstigen Drohungen
gegen die Christenheit nicht wahrmacht, bzw. von den Tricks seiner
Gegner an deren Realisierung gehindert wird. So kann denn auch
das Drama mit der Darstellung der heiteren Welt Belmonts endete,
in die zumindest die Tochter des Juden einbezogen wird.
Mit Marlowes Juden aber tat man sich schwerer, denn der übt
tatsächlich Rache an seinen christlichen und moslemischen
Gegnern in der fiktiven Welt des Stücks. Während es
Shylock weniger um das Geld zu gehen scheint als um sein Recht,
wird Marlowes Barabas von nichts getrieben als von der Geldgier,
worin ihm allerdings seine christlichen und moslemischen Gegner
nicht nachstehen. Solch provokative Radikalität löst
Beklemmung aus, und so rückte Marlowes Stück in Deutschland
in den Hintergrund, obwohl es Shakespeares Drama in der Bühnenwirksamkeit
gleichkommt, es an Sprachwitz, beißender Ironie und Gesellschaftskritik
sogar um einiges übertrifft.
In beiden Stücken ist unübersehbar, daß die Christen
auch nicht viel besser dargestellt werden als die Juden, was nicht
verhindern konnte, daß beiden Dramatikern der Vorwurf des
Antisemitismus gemacht wurde. Die Argumentation hingegen, daß
die Judenfiguren nur Vorwand waren, um eine immer materialistischer
werdende Gesellschaft zu verspotten, konnte sich nur selten durchsetzen.
Andernfalls aber wurde der Vorwurf des Antisemitismus, was Marlowe
betrifft, durch den des asozialen Nihilismus ersetzt.
Erich Fried, der exilierte Jude und nimmermüde Kritiker der
Ellenbogengesellschaft, hat sich über die deutsche Beklommenheit
Marlowes Drama gegenüber hinweggesetzt und dieses Meisterwerk
der Provokation mit unübersehbarem Vergnügen an dessen
funkelnder Schärfe übersetzt und gibt damit dem deutschen
Leser die Gelegenheit, sich zu Marlowes Jugenddrama neu ins Verhältnis
zu setzen.
Fast dreihundert Jahre nach Marlowe schrieb der deutsche Jude
Karl Marx den Aufsatz Zur Judenfrage, dessen Wirkungsgeschichte
der Marloweschen merkwürdig ähnelt. Hier wurden wechselweise
Antisemitismus, jüdischer Selbsthaß oder verkleidete
revolutionäre Gesellschaftskritik vermutet. Marx' Verteidiger
wiederum wollten gerade diesen Aufsatz als Beweis für seine
Unabhängigkeit von Vorurteilen sehen.
Stephen Greenblatts Lektüre des Juden von Malta schlägt
die Brücke zwischen diesen beiden Texten und kann implizit
auch als Kommentar zur Genese der neuzeitlichen Gesellschaft von
den ersten Anfängen des Jahrhundert bis zur entwickelten
bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts gelesen werden.
Der Aufsatz des Herausgebers zeichnet ein Porträt des Dichters
als Raufbold und agent provocateur im Kontext der elisabethanischen
Gesellschaft und der Welt im Stück.
So ergibt sich schließlich ein ideengeschichtliches Spiegelkabinett.
Der Leser ist eingeladen, in dem berühmt-berüchtigten
elisabethanischen Meisterwerk seine Gegenwart und sich selbst
zu entdecken.