Read more
Elisa M. Klein untersucht das in Vergangenheit und Gegenwart ambivalent wahrgenommene Phänomen des Mitleids in emotionsgeschichtlicher und ethischer Hinsicht. Ausgehend von den Stämmen -, -, spi Gamma ni- und s mipi th- im Griechischen sowie misericord- und clement- im Lateinischen analysiert sie neutestamentliche und speziell lukanische Belege mithilfe eines aus antiken und modernen Affekttheorien entwickelten Fragenkatalogs und vergleicht sie mit Texten aus antiker Philosophie und Frühjudentum. Dabei zeigt sich der enge Rückbezug auf ersttestamentliche und frühjüdische Erbarmensverständnisse, sichtbar in der Rede vom göttlichen Erbarmen und in der Ablehnung des Unschuldsprinzips. Die Autorin arbeitet heraus, dass stoische Kritikpunkte wie Herablassung oder Kontrollverlust das lukanische Verständnis kaum treffen. Zudem wird eine Geschlechtercodierung erkennbar: Positiv bewertetes Erbarmen erscheint meist männlich, negativ bewertetes hingegen mit Unmännlichkeit oder Weiblichkeit verbunden. Die lukanischen Texte lassen ein emotionales Skript sowie die Ausbildung eines emotionalen Habitus erkennen, der an Aristoteles' erinnert. Die Erzählstimme fördert eine einzuübende Grundhaltung der Barmherzigkeit, die sich situativ in prosozialem Handeln äußert. Mitleid kann Feindschaft und Ekel überwinden und verschiedene Ebenen menschlichen Leidens - materielle Not, Krankheit, soziale Ausgrenzung - zusammenführen. Im Unterschied zur stoischen Tradition. aner auch zu Philo, wird Mitleid im Lukasevangelium konsequent positiv bewertet.
About the author
Born 1990; 2011-18 Studies in Protestant Theology in Berlin, Durham (UK), and Heidelberg; 2025 Doctorate at Heidelberg University; Vicariate.