Kapitel 5 Das Radio und die Kulisse der Realität (S. 164-165)

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Bücher und Filme sind schön und gut, und wir werden bald wieder auf sie zu sprechen kommen, aber bevor wir das tun, möchte ich gern ein wenig vom Radio Mitte der Fünfzigerjahre erzählen. Ich werde mit mir selbst anfangen, und von mir können wir dann hoffentlich zu einer lohnenderen Allgemeinheit übergehen. Ich gehöre zum letzten Viertel der letzten Generation, die Hörspiele als aktive Kraft in Erinnerung hat - eine dramatische Kunstform mit ihrer eigenen Kulisse der Realität.

Das ist eine gute Aussage, so weit sie reicht, aber natürlich reicht sie nicht annähernd weit genug. Das wahre, goldene Zeitalter des Rundfunks endete um 1950, das Jahr, mit dem dieser beiläufige Versuch einer Mediengeschichte beginnt, das Jahr, in dem ich meinen dritten Geburtstag feierte und mein erstes volles Jahr begann, in dem ich aufs Töpfchen ging. Als Kind der Medien konnte ich freudig der Geburt des Rock’n’ Roll beiwohnen und sehen, wie er schnell und gesund groß wurde - aber in meinen jungen Jahren stand ich auch am Totenbett des Rundfunks als eigenständigem, dramatischem Medium.

Es gibt immer noch Hörspiele im Radio, weiß Gott - CBS Mystery Theater wäre ein Beispiel -, und es gibt sogar Komödien, wie jeder hingebungsvolle Anhänger des bodenlos unfähigen Superhelden Chickenman weiß. Aber das »Mystery Theater« wirkt seltsam flach, seltsam tot; nur eine Kuriosität.

Es ist nichts von dem heftigen, emotionalen Stromschlag zu spüren, den man abbekam, wenn die quietschenden Türen von Inner Sanctum allwöchentlich aufschwangen oder während Dimension X, I Love a Mystery oder der frühen Tage von Suspense. Wenngleich ich mir Mystery Theater anhöre, wann immer ich kann (und feststellen muss, dass sich E. G. Marshall als Erzähler großartig macht), kann ich es nicht besonders empfehlen; und es ist ein glücklicher Ausnahmefall, wie ein Studebaker, der immer noch läuft, oder der letzte überlebende Alk. Mehr noch, das CBS Mystery Theater ist wie ein Starkstromkabel, durch das einst eine große, fast tödliche Spannung lief, das aber heute unerklärlich kalt und harmlos daliegt.

The Adventures of Chickenman, eine auf mehreren Kanälen gleichzeitig laufende Komödiensendung, funktioniert wesentlich besser (aber das ist bei Komödien, die sich naturgemäß ebenso zum Hören wie zum Sehen eignen, häufig so), doch der furchtlose, tollpatschige Chickenman ist sicher auch nicht jedermanns Geschmack, so wie Tabak schnupfen oder Schnecken essen. Meine Lieblingsszene in Chickenmans Laufbahn ist die, als er in Stiefeln, engem Kostüm und Umhang in den Stadtbus einsteigt und dann feststellt, dass er kein Kleingeld für den Fahrschein hat, weil er keine Taschen hat.

Doch so reizend Chickenman ist, wenn er tapfer von einem katastrophalen Abenteuer ins nächste stolpert - immer dichtauf verfolgt von seiner jüdischen Mutter, die gute Ratschläge und Hühnersuppe mit Matzohbällchen bereithält -, er ist für mich niemals völlig im Brennpunkt, abgesehen vielleicht von dem einen unbezahlbaren Augenblick, als er niedergeschlagen vor dem Busfahrer steht, den Umhang zwischen den Beinen.

Ich lächle über Chickenman, ich habe ab und zu sogar schon gekichert; aber es gibt niemals Augenblicke, die so herzerfrischend komisch sind wie der, wenn Fibber McGee, der so unaufhaltsam ist wie die Zeit selbst, sich seinem Schrank nähert oder wenn Chester A. Riley sich auf lange und unbehagliche Gespräche mit seinem Nachbarn einlässt, einem Bestattungsunternehmer namens Digger O’Dell (»He sure is swell«) (wörtlich übersetzt: Ihm geht’s sicher bombig). Von den Rundfunksendungen, an die ich mich noch deutlich erinnere, gehört nur eine zu Recht in den Danse Macabre, nämlich Suspense, die ebenfalls vom CBS Radio Network präsentiert wurde. Mein Großvater (derjenige, der als junger Mann für Winslow Homer gearbeitet hat) und ich erlebten den Todeskampf des Rundfunks eigentlich zusammen.